Zeit und Ewigkeit


Die Zeit geht nicht, sie stehet still, Wir ziehen durch sie hin; Sie ist ein Karavanserai, Wir sind die Pilger drin.


Ein Etwas, form- und farbenlos, Das nur Gestalt gewinnt, Wo ihr drin auf- und nieder taucht, Bis wieder ihr zerrinnt.


Es blitzt ein Tropfen Morgenthau Im Strahl des Sonnenlichts - Ein Tag kann eine Perle sein Und hundert Jahre - Nichts!


Es ist ein weißes Pergament Die Zeit und jeder schreibt Mit seinem besten Blut darauf Bis ihn der Strom vertreibt.


An dich, du wunderbare Welt, Du Schönheit ohne End'! Schreib' ich 'nen kurzen Liebesbrief Auf dieses Pergament.


Froh bin ich, daß ich aufgetaucht In deinem runden Kranz, Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht Und lobe deinen Glanz!


Gottfried Keller Neuere Gedichte, 1851

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